Children's Shelter Foundation
Children's Shelter Foundation          Chiang Mai  Thailand
S o c i a l   w e l f a r e   O r g a n i z a t i o n
 
 
Joy's House  
   

Herzlichen Dank an Dr. Prof. Jürgen Zimmer, Mitbegründer der School for Life Chiang Mai, der in liebevoller und berührender Art die Geschichten der Kinder aufgeschrieben hat. Die Veröffentlichung erfolgt mit seinem Einverständnis.


Cob aus der Kiste - Worawit "Cob" Padwong, 6 Jahre

Eine Hilfsorganisation brachte ihn aus einer anderen Provinz. Beide Eltern starben, als er geboren wurde. Von einer überforderten achtzigjährigen Großmutter wurde er in einer Kiste gehalten, in der einmal ein Fernseher verpackt war. Dort lebte er wie ein eingesperrter Affe, wurde geschlagen, entwickelte Symptome des Hospitalismus, hörte auf neugierig zu sein und konnte sich nichts merken, weil es nichts zu merken gab.

Als er im Alter von fünf Jahren auf die Farm kam, erschien sie ihm wie ein einziger Auslauf. Cob rannte überall herum, versteckte sich hinter Bäumen und Büschen, lugte hervor und beobachtete die neue Umgebung. Allmählich kam er näher, wählte Joy als seine neue Mutter, ließ sich herumtragen und klammerte so, dass die gleichaltrige Leon, Joy's Tochter, erst lernen musste, nicht eifersüchtig zu reagieren, sondern Cob wie alle anderen Geschwister anzuerkennen und ins Herz zu schließen.

In der ersten Zeit machte Cob überall hin, groß und klein. Als man ihm behutsam und beharrlich nahezubringen versuchte, dass es eine Toilette gab, hielt er sich tagsüber daran. Nachts nicht. Es roch merkwürdig im Raum, in dem Cob mit anderen Kindern schlief. Bis klar wurde, warum. Cob wickelte seine Geschäfte in abgelegte Wäsche und schob sie in eine versteckte Ecke.

Versuche, ihn in den Kindergarten des Dorfes Pongkum zu schicken, scheiterten. Kaum war er dort, rannte er wieder in die weite Welt hinein. Das geschah knapp ein Dutzend Mal, dann erklärte die Erzieherin, ein Kindergarten sei nichts für Cob.

Cob blieb nun tagsüber auf der Farm. Dort gab es ein Fahrrad, ein großes für Erwachsene. Cob beobachtete die Betreuer und älteren Kinder, wie sie damit fuhren. Wenn sie es abstellten, nahm er es, schob es herum, zog, das Fahrrad schiebend, weite Kreise und noch weitere, schob das Rad den Hügel hinauf und rannte mit ihm den Abhang hinunter, bewegte mit der Hand die Pedale, studierte die Bremsen, die Kette, das Lenkrad, die Räder, die Gesetze der Schwerkraft und die Trägheit der Masse.

Eines Tages stand ein kleines Fahrrad neben dem großen. Es war funkelnagelneu und hatte zu beiden Seiten des Hinterrades kleine ausgestellte Räder. Die sollten verhindern, dass das Fahrrad kippt. Cob schob das kleine neue Fahrrad auf den Hügel, rief einen Erwachsenen herbei, bat ihn, die ausgestellten kleinen Räder abzumontieren, stand oben auf dem Hügel, musterte die Strecke und sein kleines Fahrrad, setzte sich drauf und fuhr los. Den Abhang hinunter. Ohne Hilfe. Stolz wie ein kleiner König. Er fiel nicht. Er kam einfach an.

Cob fuhr nun jeden langen Tag, rast in Büsche und Beete, stürzte, zog sich Schrammen und Prellungen zu, fuhr weiter und weiter, unverdrossen. Bei Regen verstaute er die Fahrräder in seinem Zimmer und schlief bei ihnen: Bei Sonne und Regen und vielleicht auch in seinen nächtlichen Träumen war er glücklich, er hatte den Zugang zur Welt gefunden.


Rote Erde - Jamy "Jimmy" Jator, 9 Jahre

Als Jimmy, mit seinen neun Jahren wie ein Sechsjähriger aussehend, im April 2004 zur Schule des Lebens kam, hatte er einen aufgequollenen Bauch und bekam ein zunehmend rotes Gesicht. Die Erwachsenen dachten, er habe Würmer. Das rote Gesicht konnten sie sich nicht erklären. In den ersten Tagen zog Jimmy sich oft zurück, war in versteckten Winkeln der Farm, auf dem Acker, hinter Büschen und dort, wo die Pickup-Wagen parken. Eines Tages bemerkte einer der Farmer, dass das eine Rad seines Wagens besonders sauber war. Hinter dem Wagen entdeckte er Jimmy. Der hockte auf dem Boden und leckte ein zweites, von roter Erde verkrustetes Rad ab. Er leckte die Erde von Felgen und Reifen.

In den nächsten Tagen beobachteten die Erwachsenen, wie Jimmy sich immer wieder aufmachte, um Brocken von roter Erde wie Chips in den Mund zu schieben: Jimmy, der vorher überlebt haben musste, in dem er Erde aß, und der davon nicht lassen wollte.

Die Erwachsenen versuchten, ihm Reis, Gemüse und Fleisch schmackhaft zu machen. Aber Jimmy hing an seiner Erde. Da bewachten ihn die Erwachsenen Tag und Nacht, und nochmal Tag und Nacht und das zwei Wochen lang: Sie hielten ihn ab, Erde zu schlucken und boten ihm das Essen der anderen Kinder. Danach überließen sie Jimmy sich selbst. Ein paar Tage später sagte er: "Ich esse keine Erde mehr." Da klatschten alle. Jimmy bekam einen großen Preis. Sein Gesicht sah nunmehr so braun aus wie die Gesichter der anderen Lahu auch. Gelegentlich hat er noch Rückfälle. Aber nur gelegentlich.

 

Der Waldgaenger - JWisanukorn "Joe", 13 Jahre

Joe hat in einer kleinen Hütte im Dschungel gelebt. Sein Vater starb an Aids, als er drei Jahre alt war. Die Mutter war verschwunden, vielleicht, sagte Joe, als er zu uns kam, sei sie schon gestorben. Vielleicht aber auch nicht, dann könne sie ihn noch einmal besuchen. Mit ihm in der Hütte lebte die Großmutter. Ihr Einkommen: null.

So wurde Joe zum Waldgänger, immer dann, wenn er Hunger hatte. Er weiß, wie man eine Maus ausgräbt und isst, welche Blätter genießbar sind, wie man Kleintiere mit der Zwille erlegt, Fische mit selbstgebasteltem Angelzug fängt und sich vor Schlangen und Skorpionen schützt.

Joe lebte ein paar Monate lang auf der Farm. Bis seine Mutter auftauchte. Sie, eine Prostituierte und an Aids erkrankt, kehrte von irgendwoher zurück, nahm die Diskriminierungen im Dorf auf sich, will zu Hause sterben und Joe um sich haben. So lebt Joe nun, unterstützt von uns, im Dorf und begleitet seine Mutter.

Joe kennt die härteste Gangart des Trekking: ohne alles in den Dschungel gehen und trotzdem überleben. Joe will Guide werden. Und Fußball spielen. Und wieder in die Schule des Lebens gehen, wenn seine Mutter gestorben ist.


Nicht leben und nicht sterben - Titinan "Ti" Dato, 11 Jahre

Ti sieht aus wie ein Siebenjähriger, klein und schmächtig. Er will nie mehr zurück auf die Straße. Dort lebte er mit seiner Familie: vier Geschwister, eine schwangere Mutter und ein mittelloser Vater. Oft gab es nichts zu essen, weil der Vater keine Arbeit fand. Hatte er Arbeit, brachte er umgerechnet zwei Euro pro Tag nach Hause. Auch in Thailand können davon keine sechs Personen leben.

Die Mutter brachte ihn und seinen siebenjährigen Bruder Non auf die Farm. Sie bat, die beiden aufzunehmen. Auf der Straße hätten sie keine Chance. Ti sagt, am schlimmsten sei der Hunger gewesen. Jetzt wird er zum ersten Mal satt und hat ein Bett und ein Dach über dem Kopf.

Ti ist ein improvisationsfreudiger Trommler im Lanna-Orchester der Kinder. Er will Arzt werden. Und vorher Fußball spielen. Es mag sein, dass er bald wie ein Baum in den Himmel wächst.


Zwei letzte Fahrten - Noppharat "Bill" Yaitong, 13 Jahre †

Als der verdutzte Polizist das fahrerlose, klapprige Pickup-Auto die Landstraße entlangkommen sah, schwang er sich aufs Motorrad, fuhr hinterher, holte es ein und sah durchs Seitenfenster einen kleinen Jungen am Steuer. Der Polizist stoppte den Wagen und fragte den Jungen, ob er spinne. Der Junge zeigte auf den Rücksitz und antwortete, dort läge sein sterbender Vater. Der aidskranke Vater habe sich gewünscht, zu Hause zu sterben. Deshalb führe er jetzt von Pongkum nach Lampun. Der Polizist sah den von blutigen Geschwüren gezeichneten Vater und winkte den Jungen durch.

So fuhren Bill, damals zehn Jahre alt, und sein Vater die fünfzig Kilometer von Pongkum nach Lampun. Am Nachmittag kamen sie an. Niemand war dort. Gegen Abend starb der Vater.

Irgendwo, weit weg, wartete die aidskranke Mutter auf ihren Tod. Früher war sie Kellnerin, aber als Bill sie, lange bevor er zur Farm kam, zum letzten Mal sah, hatte man sie ihrer Krankheit wegen in einen Verschlag neben der Küche zum Tellerwaschen geschickt.

Dann, eines Tages - Bill hatte sich auf der Farm längst eingelebt - kam seine Mutter zurück, sie war von Aids gezeichnet. Nachbarn hatten schlecht über sie geredet. Sie schämte sich und wollte sich mehr um Bill kümmern. Bill zog zu ihr und besuchte, von der Schule des Lebens unterstützt, die Sekundarschule in Doi Saket. Die Schule lieh ihm zwei trächtige Kühe. Als sie gekalbt hatten, gab Bill die Muttertiere zurück und machte sich daran, die Jungtiere aufzuziehen.

Im Juli 2004 starb die Mutter. Als die Verbrennungszeremonie vorbei war, besuchte Bill an einem Sonntag die Farm, begrüßte alle Mitglieder seiner neuen Familie und sagte, er müsse nur noch einiges regeln, bevor er seinen Platz in der Schule des Lebens wieder einnehmen könne. Am Dienstag danach, es war noch früh am Morgen, brauste Bill auf einem Motorrad mit hoher Geschwindigkeit die Landstraße entlang, wollte in die Dorfstraße abbiegen, wurde aus der Kurve getragen, knallte gegen einen Telefonmast und starb auf der Stelle.

Tief im Inneren habe er es gewusst, sagen die Betreuer auf der Farm. Er habe sein Karma gespürt und sei vorher noch einmal zu seiner großen Familie gekommen, um sich zu verabschieden.

Bill wollte Naturwissenschaftler werden und war ein begnadeter Flötist. Er spielte die traditionelle Thai Flöte und konnte stundenlang auf ihr improvisieren.

Wie er das Autofahren lernte? Mit acht Jahren, einfach durchs Hingucken, wenn sein Vater fuhr.